Alber, Richard

* Stuttgart 19.4.1893,
† Langenargen am Bodensee 13.6.1962, ev.
S. d.  Postamtmanns Paul A., später Oberpostsekretär bei der Generaldirektorion der Posten und Telegraphen in Stuttgart.
∞. 3 K.

A. war eine der interessantesten Persönlichkeiten der württ. Verwaltung mit zahlreichen Bezügen zu Oberschwaben.

Von 1911-1915 studierte A. Rechtswissenschaften in Tübingen (Mitglied der Burschenschft Roigel –„Tübinger Königsgesellschaft“). 1915-1918 Kriegsdienst im Ersten Weltkrieg, Leutnant der Reserve a. D., 1.10.1938 Oberleutnant der Reserve. 1919 war A. als „Freikorpskämpfer“ an der Niederschlagung der Räterepublik in München beteiligt, 1923 gehörte er der sog. „Schwarzen Reichswehr“ an. Seit 1919 war er Mitglied der DDP (es kann sich auch um einen Schreibfehler handeln und DNVP, also Württ. Bürgerpartei, bedeuten), später (wohl seit 1927/28) des Württ. Bauern- und Weingärtnerbudnes, für den er in den Kreisen Gerabronn und Mergentheim auch als Redner in Bauernversammlungen auftrat und zugleich Mitglied des Stahlhelm. 1920 I., 1922 II. Höhere Justizdienstprüfung. 7.11.1922 Eintritt in die württ. Innenverwaltung, u. a. stv. Amtmann beim OA Mergentheim, 1923 Amtmann beim OA Marbach unter weiterer Verwendung beim OA Mergentheim, 1926 Amtmann, zuletzt bis Okt. 1933 Regierungsrat beim OA Mergentheim. 1927-1933 Leiter des Taubergaues und des Gaues Hohenlohe des Württ. Sportverbands für Kleinkaliberschießen. 1.6.1934 Mitglied der NSDAP (Nr. 3584595, Ortsgruppe Laupheim, 21.7.1944 ausgeschlossen), relativ zeitgleich wohl auch der SA. Im „Dritten Reich“ war A. Mitglied des NS-Rechtswahrerbundes (seit 1934), der NS-Volkswohlfahrt (1934-1944), des VDA (seit 1934), des NS-Altherrenbundes (seit 1938) und des Reichskolonialbundes (seit 1939).

1933 war A. Amtsverweser bei den OÄ Künzelsau, Crailsheim, und Ulm. Am 1.11.1933 zum provis. Landrat und 1934 zum Landrat des Kreises Laupheim ernannt, war er seit 25.3.1937 (Erlass des Innenministeriums) bzw. 30.3. bzw. 13.4.1937 (Übergabe der Amtsgeschäfte/Dienstantritt) zugleich mit der vertretungsweisen Wahrnehmung der Dienstgeschäfte des Landrats des Kreises Münsingen betraut. Nach der Aufhebung des OA Laupheim zum 1.10.1938 war M. zunächst kommissarischer, seit 20.12.1938 planmäßiger Landrat in Münsingen. Bis 1940 wohnte A. weiterhin in Laupheim.

Gegen A. scheint seine Vorzimmerdame belastendes Material gesammelt zu haben. Ihm wurde vorgeworfen, gesprächsweise und mit Randbemerkungen auf Zeitungen, die bei den Beamten und Angestellten seiner Behörde in Umlauf gesetzt werden, die Stimmung seiner Gefolgschaftsmitglieder und anderer Volksgenossen ungünstig beeinflußt, den Londoner Sender gehört und Inhalte von dessen Sendungen mit anderen besprochen zu haben. In der einstweiligen Verfügung von Gauleiter Wilhelm Murr vom 21.7.1944 war davon die Rede, A. habe 1942 an den Rand eines Leitartikels im Stuttgarter „NS-Kurier“ Quatsch und Hält man das dt. Volk für so dumm, dass es einen solchen Blödsinn noch glaubt ? geschrieben. Am 21.7.1944 erfolgte A.s Ausschluss aus der NSDAP und das Verbot zur Fortführung der Amtsgeschäfte als Landrat, am 22. 7. 1944 mußte A. sein Amt dem Reutlinger Landrat Max Knöpfle übergeben, der die Geschäfte des Münsinger Landrats vertretungsweise führte. A. legte Widerspruch gegen die Amtsenthebung ein und flüchtete – da er sich zu Recht in Todesgefahr wähnte – am 27.7.1944 in die Schweiz. Die Gestapo verlor aufgrund von erfolgreichen Tarnmaßnahmen A.s seine Spur und vermutete, er habe im Bodensee Selbstmord begangen. Das Reichsinnenministerium leitete am 11.10.1944 ein förmliches Dienststrafverfahren gegen A. ein. Dieser kehrte am 27.5.1945 nach zehnmontiger Abwesenheit nach Südwürttemberg zurück.

Seit dem 11./12.6.1945 war A. mit Genehmigung der frz. Besatzungsmacht und auf Wunsch des kommissarischen Landrats Karl Storz wieder als Sachbearbeiter und stv. Landrat auf dem LRA Münsingen tätig und beantragte beim frz. Militärgouvernement in Münsingen seine Wiederanstellung als Landrat. Nach der auf dessen Wunsch erfolgten Entlassung des kommissarischen Landrats Storz am 25.7.1945 war A. mit Wirkung vom 1.8.1945 bis 28.3.1946 kommissarischer Landrat des Kreises Münsingen. Seine Abberufung seitens der frz. Militärregierung erfolgte auf Grund seiner NSDAP-Mitgliedschaft. Am 29.4.1946 teilte die Landesdirektion des Innern in Tübingen A. mit, das am 11.10.1944 gegen ihn eingeleitete förmliche Dienststrafverfahren sei mit sofortiger Wirkung aufgehoben und als unwirksam erklärt worden. A. war seit dem 1.5.1946 bei der Landesdirektion des Innern Württemberg-Hohenzollern in Tübingen angestellt, später beim Landwirtschaftsministerium.

A. wurde per Urteil des Münsinger Kreisuntersuchungsausschusses vom 21.1.1946 entlastet. In der näheren Begründung hieß es, A. sei der NSDAP gegenüber immer scharf ablehnend gewesen und blieb seiner Ansicht konsequent treu und wurde schliesslich zum Märthyrer (sic!) seiner Überzeugung. Seine absolute Offenheit und Standhaftigkeit und seine aufrechte christliche Haltung hat ihm die Sympathie aller anständig denkenden Kreise der Bevölkerung eingetragen. A. erwartete mit berechtigter Ungeduld den Abschluß seines Entnazifizierungsverfahrens und schrieb (20.2.1948) an Finanzamtmann Schramm, er warte als einziger während des Krieges in Württemberg aus politischen Gründen entlassener Landrat noch immer auf Säuberung und damit auf ein Weiterkommen[...], während z. B. in der Innenverwaltung bereits eine Reihe Gesäuberter und mit Sühnemassnahmen Belegter seit längerer Zeit befördert sind. Es stellte sich heraus, daß von A. am 21.10.1947 vorgelegte Akten mittlerweile nicht mehr aufzufinden waren. Daraufhin legte A. nochmals Mehrfertigungen vor, die dem Staatskommissariat für die politische Säuberung Mitte März 1948 zugingen. Nach Aussage des einstigen Ministerialrats im württ. Innenministerium, Dr. Stähle, sei A. als Münsinger Landrat nicht in die Euthanasiemorde in Grafeneck/OA Münsingen eingeweiht worden (Schreiben vom 25.4.1948 von Oberlandesgerichtsrat Wilhelm Gilsdorf an A.s Rechtsanwalt Dr. Hugo Wilhelm, Münsingen). In der Sitzung der Spruchkammer I in Tübingen vom 29.4.1948 wurde A. u. a. von dem späteren Landtagsabgeordneten Tiberius Fundel wesentlich entlastet, der meinte, A. habe ihn (Fundel) sogar in meinen abfälligen Äußerungen über den Nationalsozialisus übertrumpft.  Das Staatskommissariat für die politische Säuberung erkannte mit Schreiben vom 25.10.1948 auf Entlastet. Ohne Maßnahmen.

A. der zuletzt als Oberregierungsrat beim LRA Reutlingen und als Regierungsdirektor beim Landesamt für Flurbereinigung und Siedlung in Ludwigsburg bis zur Pensionierung 1959 tätig war, gehörte [1955] dem CDU-Landes- bzw. Bezirksvorstand Württemberg-Hohenzollern an.

Q

StAS, Wü 65/20, Band 3 (Akten des Landratsamtes Münsingen), Bü 2340 und 2341; Spruchkammerakten ebd., Wü 13, Bü 1416 (Az. 8/4/C/3002).


L

Schmidgall, Burschenschafterlisten, S. 152, Nr. 758 – Schnabel, Württemberg (1986), 340f.; Michael Ruck, Kollaboration – Loyalität – Resistenz. Administrative Eliten und NS-Regime am Beispiel der südwestdeutschen Innenverwaltung, in: Schnabel/Hauser-Hauswirth (1994), 124-152, hier 142f.;  Manfred WASSNER, „Und immer konnte ich freilich nicht schweigen„. Der Münsinger Landrat R. A. von 1938-1944 und 1945 

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