Steger, Karl, Dr. phil.

* [Stuttgart-] Feuerbach 6.1.1889

Friedrichshafen 31.8./1.9.1954

ev.

S. d. Kaufmanns S. in New Jersey (USA).

∞ I. 1919 (gesch. 1928) Frida Binder, T. d. Schuhfabrikanten Binder in Tuttlingen;

∞ II.1933 Hertha Nopper, T. d. Gustav Nopper, Großkaufmann in Stuttgart.

Keine K.

Vor dem Abitur kaufmännische Lehre. Theologiestudium in Tübingen (Stadtstudent). Sommer 1912 I., 1916 II. Theol. Dienstprüfung (jeweils Note IIIa), anschließend Vikar in Echterdingen, Plüderhausen, Unterweissach/OA Backnang und Steinheim/Albuch. S. musste keinen Militärdienst leisten, da er militärfrei war.

Im Ersten Weltkrieg war er beim Landsturm mit Waffe und für den Sanitätsdienst tauglich gemustert, jedoch uk gestellt worden. Im Nov. 1914 zum Pfarrverweser in Bitz/OA Balingen ernannt, wechselte S. 1916 zunächst als Pfarrverweser, im gleichen Jahr als Patronatspfarrer nach Massenbach/OA Brackenheim. Ab 1919 hielt S. volkswirtschaftliche Kurse in Heilbronn, Böckingen und Massenbach ab. Nov. 1923 Promotion zum Dr. phil. (Univ. Tübingen) mit dem Ergebnis „sehr gut“. Juni 1924 bis 1928 MdL Württemberg (Platz 3 LL des Völkisch-Sozialen Blocks[1]): Bis 1927 Zweiter Vorsitzender der Gruppe, bis Jan. 1928 Mitglied des Verwaltungs- und Wirtschaftsausschusses, ab 11.1.1928 des Rechtsausschusses, ab 1927 Hospitant bei der Fraktionsgemeinschaft der Württ. Bürgerpartei und des Württ. Bauern- und Weingärtnerbundes. Nov. 1924 RT-Kandidat des Völkisch-Sozialen Blocks (Platz 3 LL). 1925-1927 Landesgeschäftsführer der Nationalsozialistischen Deutschen

Freiheitsbewegung Württemberg Württemberg (NSDFB). Als sich NSDFB und NSDAP 1927 zusammenschlossen, wurden gegen S. nicht nur seitens der Partei, sondern auch der Ev. Landeskirche Bedenken geltend gemacht, denen  S. mit seinem Ausscheiden aus der Landtagsgruppe Rechnung trug. Deren Erster Vorsitzender Christian Mergenthaler rügte S. Verrat am Nationalsozialismus und begründete ihn nicht zuletzt mit dessen Zugehörigkeit zur Freimaurerloge „Karl, Brunnen des Heils“, der S. jedoch nur 1923/24 angehört hatte. 1928 bewarb S. sich nicht wieder um ein LT-Kandidatur. Nachdem er sich schon ab 1924 wiederholt um die Versetzung auf eine andere Pfarrstelle beworben hatte, gelang ihm 1929 der Wechsel nach Friedrichshafen, wo 1929 die Ernennung zum Zweiten Stadtpfarrer erfolgte. In der NS-Zeit schloss sich S. den regimefreundlichen „Deutschen Christen“ an. Im Juli 1933 als Abg. von Ravensburg über Einheitsliste zum Mitglied des Ev. Landeskirchentags gewählt, war S. von Sept. 1933 bis zum 25.7.1945 Präsident des Ev. Landeskirchentages in Württemberg und Mitglied von dessen Ausschuss.

Nachdem sich der Ulmer Prälat und Generalsuperintendent Konrad Hoffmann mit Landesbischof Theophil Wurm am 22.4.1934 am „Ulmer Bekenntnistag“ beteiligt hatte, der sich mit einer Kundgebung auf dem Münsterplatz gegen die Gleichschaltung der ev. Kirche durch „Deutsche Christen“ und Reichsbischof Ludwig Müller ausgesprochen hatte, waren die Folgen waren gravierend: Landesbischof Wurm wurde gezwungen, sich „zur Ruhe zu setzen“, Hoffmann am 4. bzw. 9.10.1934 vom „geistlichen Kommissar“ der ev. Landeskirche Württembergs, Eberhard Krauß (1891-1944), seines Amtes enthoben und sogleich (am 13.10.1934) ein Nachfolger in der Person von S. ernannt. Hoffmann soll von seiner Absetzung durch die Zeitung erfahren haben, da er sich auf der Rückfahrt von einem Kongress des Gustav-Adolf-Werks in Königsberg befand. S. war sofort nach Ulm gekommen und hatte sich in Hoffmanns Haus das Prälatenkreuz aushändigen lassen wollen. Hoffmanns Ehefrau verweigerte dies. Als Hoffmann in Ulm am Bahnhof eintraf, begrüßten ihn zahlreiche Ulmer und stärkten ihrem Prälaten demonstrativ den Rücken und protestierten damit gegen die Einsetzung von S. Der Ulmer Dekan Theodor →Kappus verbot Hoffmann daraufhin die Kanzel. Der Prälat hielt in der Folge Bibelstunden ab, deren Manuskripte vervielfältigt und in den Gemeinden verteilt wurden. Hoffmann und ein überwältigender Großteil der Ulmer ev. Christen ließen zu keiner Zeit einen Zweifel daran, dass sie die Aktionen der Landeskirchenleitung in Stuttgart als illegal ansahen. Die Ernennung S.s zum Ulmer Prälaten wurde am 20.11.1934 zurückgenommen.

Am 10.9.1934 erfolgte S.s Ernennung zum kommissarischen Mitglied des Ev. Oberkirchenrats. 1936 schloss sich S. bei der Spaltung der „Deutschen Christen“ der sog. „Volkskirchenbewegung“ an und leitete in der Landesführung das Amt für Pfarrerfragen sowie die Ortrguppe Friedrichshafen-Lindau. 1944 wurden S.s Friedrichshafener Amtsräume bei einem Luftangriff zerstört, wobei seine Bibliothek und Handakten als Präsident des Landeskirchentages vernichtet wurden. Nach Kriegsende machte sich der Kirchengemeinderat von Friedrichshafen dafür stark, S. in den Ruhestand oder an einen anderen Ort zu versetzen.  Formell war S., der nicht Mitglied der NSDAP gewesen war, wenig vorzuwerfen, weshalb er darauf beharrte, im Amt zu verbleiben. Nach einem Besuch von Bischof Theophil Wurm vor Ort fasste der Oberkirchenrat Anfang 1947 den Beschluss, S. in den Wartestand zu versetzen. S. wehrte sich dagegen und veranlasste Unterschriftenlisten, in denen man sich für ihn einsetzte – vergeblich. Zum 1.1.1952 wurde er aus dem Warte- in den Ruhestand versetzt. Nach 1947 lebte er in einem Einfamilienhaus in Seemoos. Im Spätsommer 1954 starb er im 66. Lebensjahr. – 1918 Charlottenkreuz – 1929 Ehrenbürger von Massenbach.



[1] Eine von der verbotenen NSDAP dominierte Vereinigung der Rechten.

Q            

Personalakte im Landeskirchlichen Archiv, Stuttgart-Möhringen (ohne Signatur).

W           

Die politischen Gedanken von Moriz Mohl, phil. Diss., Tübingen 1923 – Es war einmal. Bilder aus dem Leben einer kleinen deutschen Reichsstadt, Schorndorf 1951.

L            

Magisterbuch 41 (1932), 170 – Nebinger, Die ev. Prälaten, 575 – David Diephouse, Pastors and Pluralism in Württemberg 1918-1933, Princeton/New Jersey 1987, S. 280 – Rainer Lächele, Ein Volk, ein Reich, ein Glaube. Die „Dt. Christen“ in Württemberg 1925-1960 (Quellen und Forschungen zur württ. Kirchengeschichte 12), Stuttgart 1994 – Raberg, Biogr. Handbuch, 889 f. (Bild) – Ehmer/Kammerer, 347 (Bild) – Hermann Ehmer, Völkische Pfarrer in Württemberg, in: Lächele/Thierfelder, 2003, S. 85-95 – Weik 72003, 321.

 

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