Ofterdinger, Ludwig Felix, Dr. phil.

* Biberach/Riß 18.5.1810

† Ulm/Donau 10.4.1896

ev.

S. d. Georg Ludwig Ofterdinger, * Balingen 19.9.1777, † 22.8.1859, seit 1807 städtischer Arzt in Biberach/Riß.

Mutter      Johanne Louise Auguste Seyffer, * Lauffen am Neckar/OA Besigheim 27.12.1779, † Biberach/Riß 6.3.1848, T. d. Johann Friedrich Seyffer, * Bitzfeld 12.5.1746 Bitzfeld, † Cannstatt 1815, Oberamtmann in Lauffen und Cannstatt, und der Johanne Auguste Faber, * Nürtingen 18.6.1748.

3 G (zwei Brüder, eine Schwester).

∞. 2 K      Cornelie Ofterdinger, ∞ Härlin; Guido Ofterdinger, Dr. med.

O. war über Jahrzehnte hinweg eine der prägenden Lehrerpersönlichkeiten aus Oberschwaben. Der zeitweise auch politisch aktive Naturwissenschaftler verbrachte über 40 Jahre seines langen Lebens in Ulm.

Von 1827 bis 1831 studierte O. Mathematik und Astronomie an der Universität Berlin. In dieser Zeit entwickelten sich persönliche Kontakte zu Georg Friedrich Hegel und Alexander von Humboldt. Nach Lösung einer akademischen Preisaufgabe (1829) erfolgte O.s Promotion zum Dr. phil. (Universität Berlin) mit der Arbeit „Methodo expositium quarum ope principia calculi superioris inventa sunt”. Im Herbst 1831 erhielt O. eine Anstellung als Privatdozent für die mathematischen Fächer (Mathematik, Physik, Astronomie) an der Universität Tübingen, 1850 wurde er zum ao. Professor ebd. ernannt.

1851/52 wechselte O. als Professor für Mathematik an das Obergymnasium in Ulm. Im Sept. 1875 trat er in den Ruhestand, in dem er sich besonders mit der Erforschung des Lebens von Christoph Martin Wieland befasste. Er trug wesentlich zum Zustandekommen des Wieland-Denkmals in Biberach bei. In Ulm zeigte er als Mitglied des Vereins für Mathematik und Naturwissenschaften eine besondere Aktivität, die sich u. a. in mehreren Vorträgen niederschlug. Seine 1867 erschienene Schrift zur Mathematikgeschichte Ulms ist noch heute von Wert. Der Verein ernannte ihn später zu seinem Ehrenmitglied. O. starb im 86. Lebensjahr an „Herzlähmung”.

In die Revolutionszeit 1848/49 fiel O.s politische Aktivität. Im April 1848 kursierte O.s Name im Oberamtsbezirk Biberach als Kandidat für den Landtag ebenso wie für die Nationalversammlung in Frankfurt/Main. Bei der Versammlung zur Aufstellung der Kandidaten für die Wahlkreise im Donaukreis am 18. April 1848 war O. in Biberach dann aber nicht zugegen, und von ihm war im Zusammenhang mit einem Mandat in Frankfurt auch keine Rede mehr. Bei den Landtagswahlen vom 15. bis 17.6.1848 wurde O. mit 365 von 572 abgegebenen Stimmen zum Mitglied der Kammer der Abgeordneten der Ständeversammlung des Königreichs Württemberg auf dem 15. o. Landtag (sog. „langer Landtag”) gewählt (WK Biberach). Die erste Wahl, bei der Alois →Wiest im Mai 1848 gewählt worden war, hatte wiederholt werden müssen, da dieser die auch im WK Saulgau auf ihn gefallene Wahl angenommen hatte, womit das Biberacher Mandat unbesetzt geblieben war. O. warb für sich mit der Feststellung, er habe sich seit Jahren mit aller Schärfe gegen den Polizeistaat und gegen alle Bürokratie gestellt und für Öffentlichkeit und Mündlichkeit plädiert. Fortschritt im Rahmen der Gesetze sei sein Ziel, und er bekannte, sich für eine Stärkung des Bauernstandes und den Wohlstand des Bürgertums einsetzen zu wollen. Die Verbesserung des Schulwesens hatte er sich ebenso wie die Freiheit der Kirche auf die Fahne geschrieben. Im Dez. 1848 sprach ihm der Biberacher Volksverein aufgrund von O.s angeblich unvolkstümlicher Haltung das Misstrauen aus; O.s Verhalten stehe nicht im Einklang mit seinen öffentlich ausgesprochenen Grundsätzen. Die Stellung des Abg. O. im Bezirk war damit unterminiert. Bei der nächsten Wahl im Jahre 1849 wurde Rudolf →Probst gewählt, der den Bezirk 45 Jahre lang vertreten sollte. – Ehrenbürger von Biberach; Mitglied des Vereins für Kunst und Altertum in Ulm und Oberschwaben.

W           

(Auswahl) Ueber Kometen, deren Bahnen, Größe, physische Beschaffenheit und Bestimmung. Mit besonderer Rücksicht  auf die Kometen, welche in den nächsten Zeiten wieder sichtbar werden, populär dargestellt von [...], Stuttgart 1835 – Einige Worte über den Abgang der Actien bei der Stuttgarter allgemeinen Rentenanstalt, Stuttgart 1839 – Beiträge zur Geschichte der griechischen Mathematik, Ulm 1860 – Beiträge zur Geschichte der Mathematik in Ulm bis zur Mitte des XVII. Jahrhunderts, Ulm 1867 – Ein Manuscript Keppler´s, 1872 – C. M. Wieland´s Leben und Wirken in Schwaben und in der Schweiz, Heilbronn 1877 – Geschichte des Theaters in Biberach von 1686 an bis auf die Gegenwart, in: Württ. Vierteljahreshefte VI (1883), S. 36-43, 113-126, 229-242 – Johann Gottlieb Friederich von Bohnenberger, in: Mathematisch-naturwissenschaftl. Mitteilungen 1885.

L            

Ih 2, 651 – Riecke, Verfassung und Landstände, 53 – Hartmann, Regierung und Stände, 43 – Staatsanz. Nr. 83, 11.4.1896, 575 – ebd. Nr. 84, 13.4.1896, 583 – Schwäb. Kronik Nr. 84, 11.4.1896, 727 und 728 (Todesanz.) – Ulmer Tageblatt Nr. 85, 11.4.1896 – Württ. Jahrbücher 1896, VI – H. Künssberg, Zum Andenken an L. O., in: Bibliotheca Mathematica 1896, 50 ff. – Rudolf krauss in: BJDN 1 1896 (1897), 99 ff. – Paul von Weizsäcker, Erinnerungen eines alten Mannes, in: Besondere Beilage des Staatsanz. Nr. 1 und 2, 13.2.1903, 17-22, und Nr.  3 und 4, 20.3.1903, 57-64 – ADB 52 (1906), 702 ff. (Cantor) –Heinz, Revolution, 124, 133, 164, 171 f., 174, 244, 340 f. – Raberg, Biogr. Handbuch, 631 f.

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