Hertling, Friedrich Wilhelm Freiherr von

* Mannheim 30.10.1758

† München 19. Feb. 1816

kath.

S. d. Freiherrn Johann Friedrich von Hertling, Kurpfalzbayer. Geh. Staatsrat, Geh. Kanzler, Kgl. Bayer. Staats- und Konferenzminister, Staatsminister der Justiz, u. d. Maria Eleonore Freiin von Welser.

6 G, darunter Philipp Aloys Franz Xaver Freiherr von Hertling, * Mannheim 1756, † Aschaffenburg 1810, Großhzgl. Hessischer Geh. Rat und Hofgerichtsdirektor in Darmstadt, ∞ 1783 Gisberta Freiin Deel von Deelsburg, * 1763, † 1843.

∞ Walburga Gräfin von Minucci.

Keine K.

H. war in den Jahren von 1802 bis 1804 höchster Vertreter des Kurfürsten von Bayern in Ulm und Oberschwaben, der Organisator des Übergangs der Reichsstadt Ulm, ihrer Territorien und oberschwäbischer Gebiete unterschiedlichster Provenienz unter die Herrschaft Bayerns.

H., Sohn eines der engsten Mitarbeiter des Kurfürsten Karl Theodor von der Pfalz (und später von Bayern), durchlief eine erfolgreiche Laufbahn im Verwaltungsdienst Bayerns und war vor seinem Eintreffen in Ulm Stadtpfleger in Mindelheim und Bayer. Gesandter beim Schwäbischen Kreis. Er kam am 30.8.1802 nach Ulm, um als Kurpfalzbayerischer Zivilkommissar im Auftrag des Kurfürsten Max Joseph die Einquartierung bayerischer Truppen in der Stadt anzukündigen und durchzuführen, welche am 3.9.1802 erfolgte, nachdem Ulmer Territorien schon eine Woche zuvor von bayerischen Truppen besetzt worden waren. Am 4.9.1802 war er im Klarissenkloster Söflingen, um dessen Aufhebung einzuleiten und die Beamten der Verwaltung auf Bayern zu vereidigen. Zu dieser Zeit operierte H. noch von Dillingen/Donau aus, wo sich bis zur Jahreswende 1802/03 der Sitz der provisorischen Gebietsregierung befand. Zu den Reichsstädten, die H. neben Ulm für Bayern in Besitz nahm, zählten Bopfingen, Buchhorn, Dinkelsbühl, Kaufbeuren, Kempten, Leutkirch, Lindau, Memmingen, Nördlingen, Ravensburg, Wangen im Allgäu.

Der militärischen Besitznahme folgte die zivile. Am 29.11.1802 nahm H. im Ratszimmer des Ulmer Rathauses die Huldigung des Rats entgegen, nachdem er das Ende der reichsstädtischen Verfassung und die neue geltende Rechtslage verkündet hatte. Schon zuvor hatte er Material über den publiken Zustand angefordert und war sehr angetan vom Ratskonsulenten Gottlob Dietrich Miller, der H. seine „Staatsrechtliche Darstellung der Reichsstadt Ulm und ihres Gebietes“ zur Verfügung stellte, die sofort nach München geschickt wurde. In seinem Begleitschreiben merkte H. an, die Denkschrift könne zum Leitfaden der Einrichtungen dienen, die der Kurfürst der bedeutenden Stadt Ulm und anderen Reichsstädten geben wolle.

Ende Dez. 1802 avancierte H. zum Generalkommissar des in Ulm eingerichteten Kurpfalzbayerischen Generallandeskommissariats (oberste Behörde der Provinz Schwaben) und nahm seinen Wohnsitz in der dem Weinhändler Leipheimer gehörenden Wohnung in der Rossmühle neben der Dreifaltigkeitskirche. Er richtete in den staatlichen und kirchlichen Bereichen die neuen Behörden ein, so im Juli 1803 das Oberjustizgericht als höchste Gerichtsinstanz und im Sept. 1803 die Kurpfalzbayerische Landesdirektion in Schwaben. Im Juli 1803 verbot er die Abhaltung des Schwörmontags, ließ aber das Fischerstechen zu. 1804 übernahm H., der in den letzten Monaten seines Ulmer Wirkens besonders für die Errichtung der kath. Wengenpfarrei eingetreten war, den schwierigen Posten des Gesandten Bayerns beim württembergischen Kurfürsten in Stuttgart, auf dem er drei Jahre lang verblieb, bis er 1807 in gleicher Eigenschaft in die Niederlande versetzt wurde. 1810 ging er als Gesandter an den Hof des Königs von Preußen nach Berlin. Im März 1813 ist H.s Anwesenheit am Hoflager in Breslau bezeugt. Zum 1. Mai 1813 erfolgte H.s Setzung auf Expektanzgehalt, d. h., er stand in keiner Funktion, erhielt aber in Erwartung einer zukünftigen gleichwertigen Position entsprechende Bezüge. Dazu kam es jedoch nicht mehr, da H. im 58. Lebensjahr plötzlich starb.

L            

DBI 3, 1418 – DBA II/571, 152 – Karl Freiherr von Hertling, Geschichte der Familie von Hertling, Köln 1888 (als Manuskript gedruckt) – Ahnentafel des Reichskanzlers Georg Friedrich Grafen von Hertling, in: Ahnenlisten berühmter Deutscher, Lieferung 1, (1929), AT 1 – Josef Rottenkolber, Die Stadt Ulm unter Bayerischer Herrschaft, in: Württ. Vierteljahreshefte N.F. 34 (1928), 257-326 – Schärl, Beamtenschaft, 319, Nr. 599 – Specker/Tüchle, 155, 255 f. – Friedrich Blendinger, Die Mediatisierung der schwäbischen Reichsstädte, in: Krone und Verfassung. König Max I. Joseph und der neue Staat. Beiträge zur Bayerischen Geschichte und Kunst 1799-1825 (Wittelsbach und Bayern, Band  III,1), München-Zürich 1980, 101-113 – Theodor Rolle, Bayerns Griff nach Ostschwaben. Zur Mission des Freiherrn Wilhelm von Hertling bei den schwäbischen Reichsständen in den Jahren 1802/03, in: Zeitschrift des Historischen Vereins für Schwaben 85 (1992), 157-207 – Hans Eugen Specker, Die Mediatisierung der Reichsstadt Ulm, in: Peter Blickle/Andreas Schmauder (Hgg.), Die Mediatisierung der oberschwäbischen Reichsstädte in europäischem Kontext, Epfendorf 2003, 57-71 – Gregor Maier, Die Inbesitznahme der  Landvogtei Schwaben 1806. Oberschwaben zwischen Bayern und Württemberg, in: UO 55 (2007), 288-304.

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