Aicher-Scholl, Inge, geb. Scholl

* Ingersheim/OA Crailsheim 11.8.1917

† Leutkirch 4.9.1998

ev., seit 1944 kath.

T. d. Robert Scholl[1], * Steinbrück, Gde. Geißelhardt/OA Weinsberg 13.4.1891, † München 25.10.1973, 1945-1948 Oberbürgermeister in Ulm, u. d. Magdalene Müller, * Künzelsau 5.5.1881, † Ulm 31.3.1958.

5 G, darunter Hans und Sophie Scholl, Mitglieder der „weißen Rose“, Opfer des NS-Regimes.

∞ 1952 Otl →Aicher.

5 K.



[1] Ih 2, S. 799

Als ältestes Kind von Robert Scholl, der zur Zeit ihrer Geburt Schultheiß in Ingersheim im württembergischen Franken war, widmete A. ihr Leben nach dem Ende der NS-Diktatur der Bewahrung der Erinnerung an die „Weiße Rose“, des Vermächtnisses ihrer ermordeten Geschwister, und der Vermittlung von (nicht nur politischer) Bildung, die sie als bestes Bollwerk gegen die Gefahren totalitärer Verführung ansah. In den Jahren des Wiederaufbaus war A. weit über die Grenzen Ulms hinaus ein Symbol für ein anderes, besseres Deutschland. Mit der vh Ulm und der Hochschule für Gestaltung Ulm bleibt ihr Name verknüpft.

A. wuchs in einem von christlich-humanistischen Werten dominierten liberalen Elternhaus in der Provinz auf. Die Eltern förderten den Gemeinschaftssinn ihrer Kinder, und die Verbundenheit der Familie ließ sie alle Anfechtungen überstehen. Bücher spielten frühzeitig eine Rolle in ihrem Leben. Sie besuchte die Schulen in Ingersheim und Forchtenberg, schließlich seit 1932 in Ulm, wohin die Familie umgezogen war. Mit ihren Geschwistern war A. in der bündischen Jugendbewegung aktiv. Gegen den Willen des Vaters, in dessen Steuerberater-Büro sie eine Zeitlang als Sekretärin arbeitete, trat sie 1934 dem Bund Deutscher Mädel (BDM) bei und erhielt dort sogar eine leitende Funktion. Wegen ihrer Mitgliedschaft in der Jugendbewegung erfolgten 1937 ihr Ausschluss aus dem BDM und Inhaftierung. Vom Kampf ihrer Geschwister Hans und Sophie Scholl wusste die ältere Schwester bis zu deren Verhaftung nichts. Nach der Ermordung ihrer Geschwister ließen die Machthaber wenige Tage nach der Beerdigung die übrigen Mitglieder der Familie Scholl verhaften und für fünf Monate festsetzen. Nach der Freilassung  gelang es den Scholls, in Ewattingen im badischen Schwarzwald auf dem Bruderhof ein neues Domizil zu finden, wo sie das Kriegsende erlebten. Auch Otl Aicher, A.s späterer Ehemann, fand dort nach seiner Desertion Unterschlupf.

Der Krieg war gerade einige Monate vorbei, als A. mit anderen die Idee und das Konzept zur Gründung der Ulmer Volkshochschule entwickelte. Dabei vernetzte sie den wegweisenden Widerstand der „Weißen Rose“ als Legitimation für eine neu erstehende deutsche Demokratie gezielt mit dem Programm der neuen Institution. Mit großem Sinn für Symbolik wurde die vh Ulm am 24. April 1946 gegründet. Die ersten Veranstaltungen fanden in der Ulmer Martin-Luther-Kirche statt, wo wenige Jahre zuvor das fünfte Flugblatt der „Weißen Rose“ zum Versand vorbereitet worden war. A. sah den Sinn der Arbeit der vh Ulm primär in der Aufklärung über den Nationalsozialismus und der Schaffung eines demokratischen Selbstverständnisses. Dabei setzte sie nicht nur auf Vorträge, sondern vor allem auch auf Gesprächskreise, in denen die Gelegenheit zur Diskussion angeboten und kräftig genutzt wurde. Mit diesem Konzept gewann die vh Ulm Vorbildcharakter für das Volkshochschulwesen im westlichen Nachkriegsdeutschland. A. leitete die vh Ulm über 28 Jahre lang, stark unterstützt von ihrem Ehemann, bis 1974. Mit ihrem Buch über „Die Weiße Rose“, das 1952 erschien und internationale Beachtung fand, beeinflusste A. nachhaltig die Darstellung des Widerstands gegen den Nationalsozialismus. Die Rolle ihrer Geschwister stellte sie dabei in idealisierender Überhöhung in den Mittelpunkt. In zahlreichen Vorträgen, mit Veranstaltungen und weiteren Publikationen („Sippenhaft“, 1993) blieb sie ihrem Lebensthema, die Erinnerung an ihre ermordeten Geschwister aufrechtzuerhalten, treu.

Nachdem die Familie nach Rotis bei Leutkirch übersiedelt war, hielt sich A. nicht mehr regelmäßig in Ulm auf, was sie zur Niederlegung ihres Amtes als vh-Vorsitzende veranlasste.

Mit ihrem späteren Ehemann Otl Aicher, mit dem sie auch Mitglied der „Gesellschaft Oberschwaben“ war, verband A. der bewusste Wille zur Teilnahme an und Stellungnahme zu öffentlichen Belangen als Konsequenz aus den Erfahrungen der NS-Zeit. Beide engagierten sich seit Anfang 1950 in der „Gesellschaft 1950“, die sich im Gegensatz zum Verein „Alt-Ulm“ für einen progressiven Wiederaufbau der Stadt aussprach. Ebenfalls 1950 gründete A. die Geschwister-Scholl-Stiftung als Trägerin der Hochschule für Gestaltung (HfG) Ulm, die 1955 gegründet wurde. Mit ihrem Ehemann trug sie wesentlich dazu bei, die HfG zu ermöglichen.

A. engagierte sich seit 1978 aktiv in der Friedensbewegung und nahm an mehreren Ostermärschen teil. 1985 beteiligte sie sich an der Sitzblockade vor dem US-amerikanischen Militärdepot in Mutlangen, wofür sie zu einer Geldstrafe in Höhe von 800 DM verurteilt wurde. Sie wehrte sich gegen von Teilen der Presse gezogene Parallelen zwischen ihrem Widerstand und dem Wirken der „Weißen Rose“, vermerkte allerdings die aus ihrer Sicht sich verstärkende Tendenz, einen schweigsamen Untertan zu erziehen. 1996 brachte sie ein Buch über das Leben mit ihrer geistig behinderten Tochter Eva heraus („Eva. Weil du bei mir bist, bin ich nicht allein“). 1997 zur Ehrenbürgerin von Ulm ernannt, erlag sie im Jahr darauf im Alter von 81 Jahren einer Krebserkrankung. 1999 wurde eine Schule für geistig Behinderte in Bad Saulgau-Renhardsweiler nach A. benannt, 2005 die Realschule im Neu-Ulmer Stadtteil Pfuhl. – 1969 Pfaff-Preis für Initiativen im Bildungswesen; 1987 Allgäuer Friedenspreis; 1988 Freda-Wüsthoff-Preis; 1995 Verdienstmedaille des Landes Baden-Württemberg.

Q            

StadtA Ulm, G 2 – Nachlass im Archiv des Instituts für Zeitgeschichte (IfZ), München.

L            

Specker/Tüchle, 473 – Manuel Aicher, Die Vorfahren von Hans und Sophie Scholl, in: Genealogie 1980, 161-179 und 209-221 – Specker, Großer Schwörbrief, S. 457 – Hermann Vincke, „Man muss etwas machen, um selbst keine Schuld zu haben“. Sophie und Inge Scholl, in: Kgl. Raabe (Hg.), Deutsche Schwestern, 1997, 341-377 (Bild) – Barbara Schüler, Inge Scholl und Otl Aicher. Korrespondenzen und Kontakte zwischen Aulendorf und Ulm, in: Kuhn/Ritter/Bauer, 117–130 – M. Krampen/G. Hörmann, Die Hochschule für Gestaltung Ulm, Ulm 2003 – NDB XXIII (2007), 444 ff. (Winfried Süß) – Schmidt, Demokratie, S. 84, 90-92, 94 f., 98, 105 – (vgl. auch die Angaben bei Otl Aicher) – Wikipedia.

 

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