Haßler/Hassler sen., Conrad (Cunrad/Konrad) Dieterich (Dietrich), Dr. phil.

* Altheim/OA Ulm[1] 18.5.1803

† Ulm/Donau 15.4.1873, bestattet ebd., Alter Friedhof

ev.

S. d. Johann Conrad Haßler[2], * Ulm 20.8.1762, † ebd. 13.8.1837, Diakon in Altheim, zuletzt bis 1830 Pfarrer in Degenfeld, u. d. Maria Barbara Weidlin, T. d. Hospitalamtspflegers W. in Ulm.

Mehrere G.

∞ Ulm 22.5.1827 Margarete K. Miller/Müller, * Ulm 22.11.1802, † ebd. 25.8.1881, T. d. Münsterpedigers und Professors Bartholomäus Miller.

11 K.

 



[1] Zum Zeitpunkt von H.s Geburt war Altheim bayerisch.

[2] Sigel 12,2, Nr. 38,56 (S. 626).

H. war ein Mann mit vielen Talenten, der als Historiker, Pädagoge, Orientalist, Philologe, Landeskonservator und Politiker aktiv war und als einer der unermüdlichsten und wirkungsvollsten „Propagandisten“ in ganz Deutschland ein Bewusstsein für das Ulmer Münster weckte, zu dessen Vollendung er mit seinen Reden und Schriften sehr viel beitrug.

Nach dem Besuch der Dorfschule in Altheim und seit 1814 des Kgl. Gymnasiums Ulm bestand H. nacheinander 1816, 1817 und 1818 das Landexamen, das zur Aufnahme in eines der ev.-theol. Seminare berechtigte, wurde aber angeblich wegen seines Alters und zu geringer Bedürftigkeit nicht aufgenommen. H. studierte, nachdem er eine Sattlerlehre absolviert hatte, von 1820 bis 1825 ev. Theologie, Philosophie, Philologie und Jura in Tübingen, wo er sich zunächst dem Corps Ulma (und später vielleicht der Burschenschaft Germania, obwohl das angebliche Beitrittsjahr 1825 eher dagegen spricht) anschloss, sowie Orientalistik in Leipzig (Hebräische Gesellschaft) und Paris. Den Pariser Studienaufenthalt konnte er mit Hilfe eines Erbes finanzieren.

Im Feb. 1824 bestand H. das theol. Abschlussexamen. Von 1825 bis 1826 war er Pfarrvikar bei seinem Vater in Degenfeld, 1826 kurzzeitig Vikar in Lorch. Die geistliche Laufbahn behagte H. jedoch nicht. Seine Versuche, die Professur für Orientalistik an der Universität Tübingen zu erlangen, scheiterten an mancherlei Widerständen, die sowohl in der nominellen Besetzung des Lehrstuhls durch den in Paris forschenden Württemberger Julius Mohl (1800-1876) als auch darin begründet lagen, dass H. nicht Zögling eines ev.-theol. Seminars gewesen war.

Nach der Ende 1824 erfolgten Promotion zum Dr. phil. an der Universität Tübingen und der Professoratsprüfung erhielt er noch 1826 eine Anstellung als ao. Professor für Hebräisch, Psychologie, Logik und Naturrecht an der oberen Abteilung des Kgl. Gymnasiums Ulm, von 1828 bis 1865 war er o. Professor ebd. Als 1852 Rektor Georg Heinrich von Moser in den Ruhestand trat, übernahm H. die Führung der Amtsgeschäfte und machte sich Hoffnungen auf die offizielle Nachfolge. Als an seiner Stelle Karl Schmid zum Rektor ernannt wurde, bedeutete dies für H. eine bittere Enttäuschung. 1856 vom Schuldienst auf ein Jahr beurlaubt, erfolgte 1864 die Ernennung zum Oberstudienrat durch den Staatsminister Ludwig von Golther, einen seiner Schüler, 1867 folgte H.s Eintritt in den Ruhestand.

Im Sept. 1852 hatte H. das Amt des Ephorus´ des in Ulm im Sammlungsgebäude neu gegründeten Pensionats übernommen, das jedoch nach wenigen Jahren wieder aufgegeben werden musste.

Frühzeitig engagierte sich H. politisch, obwohl von ihm zahlreiche skeptische Äußerungen zum „Politbetrieb“ seiner Zeit überliefert sind. Bereits 1831 war H. Mitglied des Ausschusses der Bürgerversammlung für die Wahl des Landtagskandidaten Gymnasialprofessor Christian Schwarz (liberale Opposition). Nach der raschen Auflösung des sogenannten „vergeblichen Landtags“ und angesichts der Auffassung, dass Schwarz den Erwartungen nicht gerecht geworden war, suchten ihn Ulmer  Honoratioren im Frühjahr als Landtagskandidaten zu gewinnen. Weil H. jedoch noch nicht das 30. Lebensjahr vollendet hatte, war er von einer Kandidatur durch die Bestimmungen der Verfassung ausgeschlossen. Erst 1844 entschloss sich H. zu einer Landtagskandidatur im WK Ulm Stadt. Vom 1.2.1845 bis 1848 (12. bis 14. o. LT) war H. als Abg. der „guten Stadt“ Ulm Mitglied der Kammer der Abgeordneten des Württ. Landtags und gehörte der Druckkommission, der Staatsrechtlichen Kommission und der Eisenbahnkommission an, außerdem war er Mitglied der Finanzkommission, der Kommission für die Ablösung des Zehnten und Koreferent der Schuldenverwaltungskommission sowie der Kommission für Angelegenheiten des Kriegsministeriums. Die Landtagsarbeit brachte H. wenig Befriedigung und viel Verdruss, deshalb stellte er sich bei den Neuwahlen 1848 nicht mehr als Kandidat zur Verfügung. Auch Angebote aus anderen Oberämtern, so Biberach, lehnte er ab.

Im März 1848 gehörte H. als Ulmer Vertreter dem sogenannten „Vorparlament“ in Frankfurt/Main an, dem im Wesentlichen die Organisation der Wahlen zur Nationalversammlung oblag. Schon zuvor hatte er am 5.3.1848 an der „Heidelberger Versammlung“ teilgenommen. Im Frühjahr 1848 erfolgte im 2. WK im Donaukreis (Ulm-Blaubeuren-Laupheim) gegen den Deutschkatholiken Friedrich Albrecht mit großem Stimmenvorsprung H.s Wahl in die Deutsche Nationalversammlung in Frankfurt/Main, der er vom 18.5.1848 bis 11.4.1849 angehörte (Mitglied der Fraktion Westendhall): seit 18.5.1848 Mitglied des Vorbereitungskomitees für die Einrichtung der Nationalversammlung, seit 19.5.1848 des Revisionskomitees zur Vorberatung über die von der vorbereitenden Kommission abgeschlossenen Verträge, seit 22.5.1848 Schriftführer der Redaktionskommission für die Protokolle und in deren Auftrag Herausgeber der „Verhandlungen der deutschen Verfassunggebenden Reichsversammlung zu Frankfurt am Main“ (6 Bände, Frankfurt/Main 1848/49), seit 7.7.1848 Mitglied des Ausschusses für die Kirchen- und Schulangelegenheiten (Sektion für Volksschulwesen). H. setzte sich in Frankfurt für das monarchische Prinzip ein, da er den Erfolg der Republik für unmöglich hielt. Er stimmte daher auch für die Wahl König Friedrich Wilhelms IV. von Preußen zum deutschen Kaiser. Nach deren Zurückweisung durch den Gewählten und dem Scheitern des Plans der Errichtung eines deutschen Erbkaisertums schied H. aus der Nationalversammlung aus. Für ihn rückte Philipp Ludwig Adam nach.

Der Politiker H. blieb in Ulm nicht ohne Anfeindungen. Seine Abgeordnetenaktivitäten in Frankfurt kreideten ihm viele Wähler als „Seitenwechsel“ und „Täuschung“ an. Im Jahre 1862 kandidierte H. im Oberamtsbezirk Ulm für den Landtag, unterlag aber mit 213 zu 300 Stimmen gegen Ludwig Seeger.

Wesentliches leistete H. für das Ulmer Münster, in dessen Schatten er lebte – er bewohnte das Haus neben Konditor Tröglen am Münsterplatz – und arbeitete. Schon 1840 hatte H. den Riss des Münsterturms von Matthäus Böblinger aus dem Jahre 1477 aufgespürt, der später dem Ausbau als Grundlage diente. Unermüdlich war er jahrelang als „Reisender für das größte Haus Deutschlands“ in ganz Deutschland unterwegs und hielt Vorträge, um die interessierten Menschen von der Bedeutung der Aufgabe der Münsterfertigstellung zu überzeugen. 1856 erhielt H. für ein Jahr Urlaub, um sich ausschließlich seinen Wandervorträgen widmen zu können. Beim Besuch des Königs Wilhelm I. von Württemberg in Ulm am 11.6.1856 ließ sich der Monarch von H. im Münster vom Stand der Arbeiten unterrichten, in gleicher Funktion war H. am 14.8.1863 beim Besuch des Kaisers Franz Joseph I. von Österreich in Ulm tätig. Zur Erinnerung an den Besuch des deutschen und preuß. Kronprinzen Friedrich Wilhelm (später Kaiser Friedrich III.) in Ulm am 19./20.8.1872, bei dem H. den hohen Gast durch das Münster führte, entstand 1900 das Kaiserfenster (Glasmalerei von Professor Alexander Linnemann, Frankfurt/Main) im Münster, auf dem H. neben Oberjustizprokurator Carl von Schall und Oberbürgermeister Carl von Heim zu sehen ist.

Als Schriftsteller entfaltete H. eine staunenswerte Aktivität. Neben historischen, kunsthistorischen, pädagogischen und philologischen Schriften gab er auch eine Reihe von Quellenpublikationen heraus, die für Ulms Geschichte von Bedeutung sind, u. a. „Sämtliche Schriften in schwäbischer Mundart“ von Sebastian Sailer (1842), „Ott Rulands Handlungsbuch“ (1843), „Reisen und Gefangenschaft“ von Hans Ulrich Krafft (1861), „Von den Falken, Pferden und Hunden“ von Heinrich Mynsinger (1863) und „Die Reisen des Samuel Kiechel (1585-1589)“. Ein vollständiges Verzeichnis seiner Veröffentlichungen fehlt, doch einschließlich der Schulprogramme, Broschüren und an verstreuten Orten publizierten kleineren Aufsätze wird man von mehreren hundert Einzelschriften ausgehen dürfen. Anfang 1858 wurde H. auch auf Empfehlung des Leiters des Ministeriums des Kirchen- und Schulwesens, Gustav von →Rümelin, zum Landeskonservator der vaterländischen Kunst- und Altertumsdenkmale in Stuttgart ernannt, zugleich war er seit 1867 Leiter der Staatssammlungen. Er war damit der erste staatliche Denkmalpfleger in Württemberg. Ein Angebot zur Übernahme der Direktion des Germanischen Nationalmuseums in Nürnberg lehnte er ab.

H. war seit Ende 1843 aktiv in der Freimaurerbewegung und längere Zeit (1849-1852 und 1862-1867 Meister vom Stuhl der Loge „Astraea zu den drei Ulmen“ (bzw. seit 1844 „Carl zu den drei Ulmen“); seit etwa Ende der 1820er Jahre Mitglied im Ulmer Turnverein, zuletzt Ehrenmitglied; seit 1825 Mitglied des Ulmer Liederkranzes, später auch dessen Vorsitzender, Gründungs- und langjähriges Ausschussmitglied des Schwäbischen Sängerbundes. 1841 zählte H. zu den Gründungsmitgliedern des Vereins für Kunst und Altertum in Ulm und Oberschwaben, dessen Vorsitzender er von 1850 bis 1868 war. Seit 1829 Mitglied des bürgerlichen Schützenkorps, gehörte H. seit 1835 der „Ulmer Eisenbahngesellschaft“ und seit 1839 als Mitgründer und engagierter Förderer der „Ulmer Donau-Dampfschifffahrts-Gesellschaft“ an. H. war seit Feb. 1868 Mitglied der Bausektion des Münsterbaukomitees. Seine Gesundheit war in den letzten Lebensjahrzehnten schwer erschüttert, immer wieder litt er an Koliken und Katarrhen, seit 1851 plagten ihn ein Herzleiden und Asthma. Kurz vor seinem 70. Geburtstag starb er an einer Lungenentzündung. – 1844 korr. Mitglied des Vereins für Vaterlandskunde; 1845 Mitglied der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft; Ausschussmitglied des Litterarischen Vereins in Stuttgart; 1867 korr. Mitglied des internationalen Kongresses für vorhistorische Anthropologie und Archäologie. – 1865 Ritterkreuz I. Kl. des Friedrichsordens; 1871 gewerbliche Fortschrittsmedaille für Verdienste um die schwäbische Industrieausstellung in Ulm. Nach H. ist die Ulmer Haßlerstraße benannt, die vom Römerplatz über die Bundesstraße 311 zum Donauufer führt.

Q            

StadtA Ulm, Bestand H, schriftlicher Nachlass – ebd., G 2 – ebd., H Waibel: Raimund Waibel, Mitglieder in Gemeinderat und Bürgerausschuss 1800-1899, Typoskript, S. 10.

W           

(Auswahl) Briefe über den Fortgang der asiatischen Studien in Paris, Ulm 1826, 21830 – Commentationis criticae de psalmis Maccabaicis quos ferunt particula prior, Ulm 1827 – Paragraphen für den Unterricht in der Philosophie auf Gymnasien und ähnlichen Lehranstalten, Ulm 1832-1834, 21852 – Bemerkungen über den Unterricht in der französischen Sprache auf Realschulen und Gymnasien, Schulprogramm, Leipzig und Ulm 1836 – Zwei Reden. Gehalten am Lieder-Feste im Münster zu Ulm am 25. Juli 1836, Ulm 1836 – Die Buchdrucker-Geschichte Ulm´s zur vierten Säcularfeier der Erfindung der Buchdruckerkunst, Ulm 1840 – Explicatio Monumenti Typographici antiquissimi nuper reperti, Schulprogramm, Ulm 1840 – Felix Fabri: Evagatorium in terrae Sanctae, Arabiae et Egypti Peregrinationem, edititi Cunradus Dietricus Hassler Gymnasii Regii Ulmani Professor, drei Bände, Stuttgart 1843-1849 – Über eine in mehreren Handschriften der kaiserlichen Bibliothek erhaltene persische Übersetzung des Alten Testaments, in: Verhandlungen der deutschen morgenländischen Gesellschaft, Leipzig 1848 – Beiträge zur Ulmischen Kunstgeschichte. Ein Sendschreiben, Ulm 1855 – Collatio Codicis Vergiliani Minoraugiensis, Ulm 1855 – Das alemannische Todtenfeld bei Ulm, Ulm 1860 – Die Beziehungen Gustav Adolphs zur Reichsstadt Ulm, Ulm 1860 –  Schwäbische Fliese, Ulm 1862 – Ulms Kunstgeschichte im Mittelalter. Zugleich Text zu den drei ersten, Ulm betreffenden Supplementheften „Kunst des Mittelalters in Schwaben“, Stuttgart 1864 – Jüdische Alterthümer aus dem Mittelalter in Ulm, Ulm 1865 – Die Pfahlbaufunde des Ueberlinger Sees in der Staatssammlung vaterländischer Alterthümer zu Stuttgart, Ulm 1866 – Studien aus der Staatssammlung vaterländischer Alterthümer, Ulm 1868 – Urkunden zur Baugeschichte des Mittelalters, in: Jahrbücher für Kunstwissenschaft 2 (1869), Heft 2, 97-128 – Über die mittelalterlichen Steinmetzzeichen, in: Christliches Kunstblatt 7 (1872).

L            

DBI2 3, 1326 – DBA I/483, 122, 206 – DBA II/532, 72 – Ih 1, S. 335 – Ih 3, 127 – Weyermann II, 163 f. [mit Geburtsdatum „13. Mai 1803“] – Schwäb. Kronik 1873, 1961 – Gustav Veesenmayer in: Beilage zur Allgemeinen Zeitung 1873, 4013 f., 4026 ff. – Konrad Dieterich Haßler (einer seiner Söhne) in: Münsterblätter 5 (1888), 1-29 – ADB XI (1880), 15-20 (Gustav Veesenmayer) – Christian Friedrich Seybold (Hg.), Heinrich Leberecht Fleischer. Fleischers Briefe an Hassler aus den Jahren 1823 bis 1870, Tübingen 1914 – Lebensbilder aus Schwaben und Franken 10 (1966), 361-374 (Georg Schenk) – NDB VIII (1969), 51 f. (Max Huber) – Ungericht, 152 ff. – Brandt, Parlamentarismus, bes. S. 142 f. u. ö. – Hubert Krins, Die Gründung der staatlichen Denkmalpflege in Baden und Württemberg, in: Denkmalpflege in Baden-Württemberg. Nachrichtenblatt der Landesdenkmalpflege, 12. Jg., 2/1983, 34-46 – August Gebessler, Professor Haßler. Der erste Konservator im Königreich Württemberg, in: Schwäbische Heimat 1/1988, 114-117 (Bild) – Philipp, Germania, 51, Nr. 724 – Best/Weege (1996), 169 – Herbert Wiegandt, Konrad Dieterich Haßler, 1803-1873. Von der Politik zur Denkmalpflege, Ulm 1998 – Dvorak I,2 (1999), S. 252 f. (Bild) – Raberg, Biogr. Handbuch, 327 ff. (Bild) – Hans Binder, Ein Ulmer, der vieles bewegte: Vor 200 Jahren wurde Konrad Dieterich Haßler geboren, in: Schwäbische Heimat 3/2003, 266-275 (Bild) – DBE2 4 (2006), 487 – Kurt Wehrberger, Das Todtenfeld – Konrad Detrich Haßler und die Archäologie, in: Archäologie in Deutschland 5 (2008), 34 ff. – Frank Raberg, Konrad Dieterich Haßler und das Ulmer Münster. Württembergs erster Landeskonservator rettete als „Reisender für das größte Haus Deutschlands“ das Wahrzeichen der Donaustadt, in: Denkmalpflege in Baden-Württemberg. Nachrichtenblatt der Landesdenkmalpflege, 38. Jg., 2/2009, 3-11 (mehrere Bilder) – Wikipedia.

 

 

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