Dreher, Wilhelm

* Ay/Bez. Neu-Ulm (Bayern) 10. Jan. 1892

† Senden/Iller 19. Nov. 1969,

kath., 1. Mai 1937 Kirchenaustritt

S. d. Bürogehilfen Wilhelm Dreher, † 1893, u. d. Auguste Sund, † 1893.

∞ Söflingen 27.1.1919 Franziska Traub, * 1892, Damenschneiderin.

1 K          Lieselotte D., * 1919, ∞ Klaphake.

 

Mit D. ist der Aufstieg des Nationalsozialismus in Ulm und Neu-Ulm untrennbar verbunden. D. war schon in den 1920er Jahren der wirkungsmächtige „Trommler“ der NSDAP in der Region, vermochte sich aber nach 1933 bei den lokalen Machtkämpfen nicht dauerhaft durchzusetzen. Zumeist stand er sich auf Grund seiner persönlichen Eigenschaften selbst im Wege. D. war haltlos, überschätzte sich und fand kein Maß bei der Ausübung seiner zahlreichen Ämter. So war es ein Leichtes für seine innerparteilichen Widersacher in Ulm, ihn aus seiner Stellung zu manövrieren und als Regierungspräsidenten nach Sigmaringen abzuschieben.

Nach dem frühen Tod seiner Eltern wuchs D. bei seiner Großmutter in Stuttgart auf, wo er von 1898 bis 1906 die Volksschule besuchte. Der Ausbildung zum Mechaniker (Werkzeugschlosser) und der Wanderschaft in Deutschland und der Schweiz (Winterthur, Zürich) folgte am 1.10.1910 der Eintritt des 18-jährigen D. als Vierjährig-Freiwilliger in die kaiserliche Marine. Zunächst war er nach infanteristischer Ausbildung 30 Monate auf der „SMS Nürnberg“ beim Kreuzergeschwader in Ostasien eingesetzt, anschließend besuchte er die Torpedoschule. Im Ersten Weltkrieg fand D. durchgehend auf Frontbooten Verwendung. Nach seiner Rückkehr aus dem Krieg fand D., der noch 1918 der SPD beigetreten war, eine Anstellung als Lokheizer (später Lokomotivführeranwärter) bei der Eisenbahnbetriebsstätte Ulm.

Er strebte nach gesellschaftlicher Anerkennung und nutzte zu diesem Zweck sein gewerkschaftliches Engagement, so von 1918 bis 1920 als Vorsitzender der Ulmer Ortsgruppe des freigewerkschaftlichen Deutschen Eisenbahner-Verbandes und als Vorsitzender des Betriebsrats. Bei den Ausschreitungen im Umfeld der Ulmer Teuerungsdemonstration vom Juni 1920 soll D. einer der Rädelsführer gewesen sein und wurde als solcher später auch vor Gericht gestellt. Zeugen behaupteten, er habe dabei dem misshandelten Oberbürgermeister Emil Schwammberger den Strick geknüpft.

Der Verlust seines Arbeitsplatzes bei der Reichsbahn, die ihn 1924 „abbaute“, gab seinem Leben eine völlig neue Richtung. Schon im Jahr zuvor hatte D. die SPD verlassen und sich der NSDAP angeschlossen (Mitglied Nr. 12.905), deren Ortsgruppe Ulm/Neu-Ulm 1922 gegründet worden war. D. arbeitete sich zielstrebig zur Führungsfigur der Partei in der Region Ulm/Neu-Ulm vor und übernahm 1925 nach der maßgeblich von ihm vorgenommenen „Neugründung“ der Ortsgruppe deren Leitung. D.s Talent als mitreißender, polemischer Redner wurde frühzeitig genutzt. 1926 begegnete er Adolf Hitler, der ihn schätzen lernte. Als D. 1930 bei einer Schlägerei nach einer Parteiversammlung ein Auge verlor, bezahlte Hitler ihm die Operation bei einem Münchner Facharzt.

1924 war D. erstmals Reichstagskandidat (Platz 2 Wahlvorschlag Nationalsozialistische Freiheitsbewegung Deutschlands/Völkisch-Sozialer Block), 1928 Landtagskandidat (Platz 1 der Vorschlagsliste der NSDAP, das gewonnene Mandat trat D. zugunsten von Christian Mergenthaler ab) und Reichstagskandidat (Platz 10 Reichswahlvorschlag der NSDAP). D. entschied sich für die Annahme des Reichstagsmandats, das er bis 1945 innehatte (seit 1930 als Spitzenkandidat im Wahlkreis 31: Württemberg). D.s Verdienste um die Parteiorganisation in Ulm sprachen sich herum, 1927/28 wurde der mittlerweile bei der Ulmer Pflugfabrik Eberhardt tätige D. als NS-Ortsgruppenleiter nach Stuttgart geholt. Nachdem er auch dort erfolgreich gewirkt hatte, kehrte er nach Ulm zurück und gründete mit Verlagsdirektor Dr. Otto Weiß im Jan. 1931 den „Ulmer Sturm, Kampfblatt für Ulm, Neu-Ulm und Oberschwaben“. 1931 in den Ulmer Gemeinderat gewählt, übernahm er dort den Vorsitz der NSDAP-Fraktion. D.s wiederholte Aktionen gegen Oberbürgermeister Emil Schwammberger waren Ausdruck des genuin antiparlamentarischen Obstruktionskurses der NSDAP, der mit Erfolg auf Reichs-, Landes- und kommunaler Ebene exekutiert wurde. Er diente der Aushöhlung der demokratischen Institutionen.

D. war Mitglied der SS (Nr. 11.715), wo er rasch in hohe Ränge aufstieg: 27.8.1931 Sturmführer beim Oberstab des Reichsführers SS, 1.2.1932 Sturmbannführer ebd., 26.8. dsgl. bei der SS-Gruppe Süd, 24.12.1932 Standartenführer bei der SS-Gruppe Südwest, 9.11.1933 Oberführer ebd., 30.1.1936 Brigadeführer im Abschnitt X (Rangführer), 2.2.1936 dsgl. ebd. (Führer beim Stab), 5.7.1938 dsgl. beim SD-Hauptamt. D. war eng mit dem Reichsführer SS, Heinrich Himmler, befreundet. Als die NSDAP im März 1933 die Macht auch in Württemberg übernahm, soll D. sogar als neuer Staatspräsident im Gespräch gewesen sein. Doch er blieb in Ulm und übte zunächst Druck auf Schwammberger aus, sein Amt abzugeben.

D. wurde am 20.3.1933 zum „ehrenamtlichen Unterkommissar zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung für den Bezirk der Polizeidirektion Ulm“ bestellt, womit er auch über die Befehlsgewalt für die regionalen Verbände von SA und SS verfügte. Staatsfeindliche Elemente werden körperlich ausgerottet, hatte er sich schon am 23.3.1933 in der Presse vernehmen lassen, und D. ließ keinen Zweifel daran, dass er ernst meinte, was er sagte. Eine Zeitlang war er tatsächlich der „starke Mann“ der NSDAP in der Region, aber letztlich waren es Kreisleiter Eugen Maier und Oberbürgermeister Friedrich Foerster, die sich im Ulmer Machtkampf durchsetzten.

Nachdem Pläne, D. zum Polizeipräsidenten von Stuttgart zu machen, sich nicht realisiert hatten, übernahm er, zunächst geschäftsführend, die Leitung der Ulmer Polizeidirektion, im März 1935 auch offiziell. Dieser Aufstieg des nicht aus dem Polizeidienst hervorgegangenen D. war der Dank der Partei für seine Verdienste in der „Kampfzeit“. Außer für Ulm war D. als Polizeidirektor auch für die Oberämter Blaubeuren, Ehingen und Laupheim zuständig. In Ulm führte sich D. mit der Zeit auf wie ein Sultan (Albert Riester), schätzte es, sich hoch zu Ross zu zeigen und seine Macht zu demonstrieren. Er selbst war es, der seine Position unterminierte durch außereheliche Verhältnisse, uneheliche Kinder, beleidigende Äußerungen gegenüber dem Offizierskorps und selbstherrliches Verhalten gegenüber den ihm untergebenen Polizisten. Lange herrschte Stillschweigen, wurden D.s Eskapaden seitens der Parteileitung geduldet. Mehrere Ehrengerichtsverfahren gegen D. blieben ohne Folgen. Er erhielt den SS-Totenkopfring, das Goldene Parteiabzeichen und das Kriegsverdienstkreuz I. Kl.

Nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs verstärkte sich die Aktivität von D.s Ulmer Gegnern, ihn wegzuloben. 1939 gelang es D., seine Versetzung als Polizeipräsident nach Halle/Saale zu vereiteln. Doch nachdem er wegen seiner Eskapaden den starken Rückhalt bei Himmler verloren hatte, ging D.s Ulmer Zeit unweigerlich ihrem Ende entgegen. Am 30. Jan. 1942 erfolgte D.s Ernennung zum kommissarischen Regierungspräsidenten der Hohenzollernschen Lande in Sigmaringen, am 14.10.1942 wurde er offiziell zum Regierungspräsidenten ernannt. Dabei handelte es sich, zumal in Kriegszeiten, um einen hohen Verwaltungsposten ohne jede machtpolitische Grundlage. D. war in der Provinz kaltgestellt. Es gelang ihm aber, 1943 die Stilllegung seiner Behörde, deren Aufgaben von Württemberg aus wahrgenommen werden sollten, abzuwenden.

Bei Kriegsende wurde D. von französischen Soldaten verhaftet und zunächst im Internierungslager Balingen interniert. Dank einer Vielzahl von „Persilscheinen“ wurde D. beim Kriegsverbrecherprozess in Rastatt im Sept. 1946 freigesprochen. Der mittellose D., dessen Ehefrau sich wiederholt für ihn bei den höchsten Stellen verwendete, vermochte seine tatsächliche Rolle als einer der schärfsten und skrupellosesten nationalsozialistischen Funktionsträger in Württemberg in der Entnazifizierung zeitweise erfolgreich zu verschleiern. 1950 wurde er zunächst als „Minderbelasteter“ eingestuft, am Ende des Jahres als „Belasteter“. Am 22.2.1951 erfolgte die endgültige Einstufung als „Belasteter“, was für ihn den Verlust jeglichen Pensionsanspruches bedeutete, ihn von allen öffentlichen Ämtern und vom aktiven und passiven Wahlrecht ausschloss und ihm die Ausübung einer selbstständigen Tätigkeit verbot. Abgesehen vom Pensionsanspruch waren die Auflagen bis 1953 befristet.

D. war seit Dez. 1949 wieder bei der Ulmer Pflugfabrik Eberhardt beschäftigt, dessen Chef er einst vor der Verfolgung bewahrt hatte. Wohl zu keiner Zeit sah D. einen Anlass, über sein unseliges Wirken in der NSDAP nachzudenken. Von ihm geschriebene Leserbriefe dokumentieren nur zu deutlich die Uneinsichtigkeit des Brandstifters, der sich nur zu gerne als Biedermann gerierte. So meinte er 1958 im Zusammenhang mit der Anbringung einer Gedenktafel am Standort der im Nov. 1938 zerstörten Ulmer Synagoge, in diesem Zusammenhang gegen ihn erhobene Vorwürfe seien unzutreffend, denn er habe die Polizei wohl sauber und einwandfrei geführt. Zahlreiche empörte Leserbriefe widersprachen D.s Lesart heftig und schrieben ihm die Verantwortung für den Brand der Synagoge, die Verhaftungen und Misshandlungen jüdischer Mitbürger zu. D. war ein unbelehrbarer alter Mann geworden, der irritiert zur Kenntnis nahm, dass er mit seiner hemdsärmeligen Verlogenheit nicht mehr durchkam. – EK II; Württ. Silberne Militär-Verdienstmedaille; Kriegsdenkmünze; Friedrich-August-Kreuz.

Q

StadtA Ulm, G 2 – StAS, Wü 42 T 60 Bü 17, Personalakten – ebd., Wü 13 Nr. 1948a, Spruchkammerakten.

L

DBI 2, 710 – DBA II/290, 148-152 – Reichstags-Handbuch, IV. Wahlperiode 1928, 309 f. (Bild 556) – ebd., V. Wahlperiode 1930, 328 (Bild 552) – Wer ist´s? 1935, 319 f. –Josef Mühlebach, Die preußischen Regierungspräsidenten in Hohenzollern, in: HH 27 (1977), 9-13 – Joachim Grüneberg, Steiler Aufstieg im Faschismus: Karriere eines „alten Kämpfers“ in Ulm. Vor 50 Jahren wurde der gelernte Werkzeugschlosser Wilhelm Dreher zum Polizeidirektor ernannt, in: SWP (Ulm) Nr. 146, 29.6.1983 – Eduard Ohm, Vom Rabauken zum Regierungspräsidenten: Wie ein Nazi aus Ay bei uns Bilderbuchkarriere machte, in: NUZ Nr. 233, 10./11.10.1987 – Schumacher, M.d.R. 31994, 100, Nr. 292 – Schmidt, Kurzbiographien, 170-173 (Bild) – Ruck, Korpsgeist, 107, 114 f. – BWB III (2002), S. 44-47 (Frank Raberg; mit weiteren Literaturangaben) – Joachim Lilla, Die Erörterung der Stilllegung der Regierung Sigmaringen 1943. Eine verwaltungsgeschichtliche Dokumentation, in ZHG 38/39 (2002/03), 501-552 – Terror hoch zu Roß. Der Ulmer SS-Führer und Polizeidirektor Wilhelm Dreher, in: Neu-Ulmer Zeitung Nr. 35, 12.2.2003 – Rudi Kübler, Zur rechten Zeit aufs richtige Pferd gesetzt. Bilderbuchkarriere in der Partei gemacht - Schuldgefühle waren ihm nach 1945 fremd, in: SWP (Ulm), 25.3.2003 – Lilla, Statisten in Uniform, 110 f., Nr. 189.

 

. 105 ff., 116f., 201f. u. ö. – Schwäb. Kronik Nr. 392, 25.8.1902, 6 – Raberg, Biogr. Handbuch, 162 (Bild).

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