Geyer, Wilhelm Adolf

* Stuttgart 24.6.1900,
† Ulm 5.10.1968, bestattet ebd., Hauptfriedhof, 9.10.1968,

kath.

S. d. Standesbeamten Wilhelm G. in Stuttgart u. d. Anna Geyer, * Ehingen/Donau 1870, lebte noch beim Tod ihres Sohnes, Kammerjungfer bei der Freifrau von Gemmingen-Hornberg in Stuttgart.

1 G.

∞ 1928 Klara Maria Seyfried, * Rottweil 10.1.1904, † Ulm 9.11.1998.

6 K, darunter Peter G., * Ulm 8.6.1932, Architekt in Ulm, 1975-1999 CDU-Gemeinderat ebd., ∞ Johanna („Hanne“) Maria Karoline Ruß; Hermann Johannes G., * 26.8.1934, Kunstmaler in Ulm, ∞ Gertrud Anna Liedkewitz.

Der Großmeister der Kirchenfenstergestaltung, ein expressiver Realist der Glaskunst, gehört zu den bedeutendsten Ulmer Künstlern des 20. Jahrhunderts. In fast 200 kath. und ev. Kirchen, vom Bodensee bis zum Niederrhein befinden sich von G. geschaffene Fenster. Seine Kunst blieb von einem ad dato ungewohnt expressiven Realismus geprägt, der seiner Zeit oft weit voraus war.

G.s Familie stammte aus Oberschwaben. Bei dem gläubigen Katholiken zeigte sich frühzeitig seine außergewöhnliche zeichnerische Begabung. Seine Skizzenbücher aus den Jahren 1908 bis 1917 mit Blei- und Buntstiftzeichnungen sind erhalten. Von 1919 bis 1926 war G. an der Stuttgarter Kunst-Akademie und dort Schüler vor allem von Heinrich Altherr (1878-1947) und von Christian Landenberger (1862-1927), der ihn in seine Meisterklasse aufnahm. In dieser Zeit lernte G. an der Akademie auch Joseph Kneer kennen, den Leiter des Ulmer Museums nach dem Zweiten Weltkrieg. Schon früh entwickelte sich bei dem Studenten eine Neigung zu biblischen Themen, die er auf seine Art zum Ausdruck bringen wollte. Nicht von ungefähr war G. 1928 Gründungsmitglied und für einige Zeit auch Vorsitzender der „Neuen Sezession“ in Stuttgart.

Bereits 1927 hatte G., der 1926/27 kurzzeitig als Zeichenlehrer in Rottweil tätig gewesen war, seine erste Ausstellung in Ulm, 1929 ließ er sich dort nieder und widmete sich zunächst seinem zeichnerischen und graphischen Werk, das er mit Unterstützung seines Freundes, des Ulmer Druckers Josef Blessing, zu realisieren vermochte. Mehr als 600 Blätter haben sich erhalten. Nach 1933 erhielt G. Aufträge vor allem von kirchlicher Seite. Hervorzuheben ist etwa der von G. unter Nutzung der Sgrafitto-Technik geschaffene Kreuzweg in der Suso-Kirche (1934/35). Mit Luise Mangold und Alfred Vollmar schuf er den Wandschmuck bei der Umwandlung der „Herberge zur Stadt“ in eine Gaststätte, mit Ludwig Ade und Martin Scheible den Bildschmuck im Ratskeller der Stadt Ulm (1935). Im Okt. 1934 stellte G. seine Werke im Kupferstichkabinett des Städtischen Museums Ulm aus, im Juni 1935 mit Albert Unseld beim Ulmer Kunstverein. 1937 mussten seine Bilder aus dem Ulmer Museum entfernt werden.

Von 1940 bis 1942 war G. Soldat, 1943 wurde er wegen seiner engen Verbindung zur Gruppe der Geschwister Scholl für 100 Tage im Münchner Gestapogefängnis inhaftiert – er hatte den Mitgliedern der „Weißen Rose“ den Keller seines Münchner Ateliers für geheime Treffen und das Kopieren von Flugblättern zur Verfügung gestellt. 1944 am Westwall eingesetzt, brach sich nach Kriegsende sein künstlerischer Genius, der in der NS-Zeit in Fesseln gelegt war, in verstärktem Ausmaß Bahn. G. genoss die neu gewonnene Freiheit und wirkte rastlos und mit unermüdlicher Schaffenskraft. Noch 1945 stellte er mit seinem Freund Walter Wörn (1901-1963) in Stuttgart seine Werke aus, im Nov. 1945 erfolgte G.s Wahl zum Vorstand der Künstlergilde Ulm e.V. Seit 1946 engagierte sich G. in der „Gesellschaft Oberschwaben“, deren Kuratoriumsmitglied er wurde, 1947 war er unter den Gründern der Oberschwäbischen Sezession (später Sezession Oberschwaben Bodensee). Anfang 1950 zählte G. zu den maßgeblichen Gründern der Ulmer „Gesellschaft 1950“, die sich im Gegensatz zum Verein „Alt-Ulm“ für einen progressiven Wiederaufbau einsetzte.

Aus seinem reichhaltigen Schaffen nach Kriegsende können an dieser Stelle nur wenige Beispiele aufgelistet werden: so schuf er 1949 die Fenster im Chor der gotischen Liebfrauenkirche in Frankfurt/Main und der Kirche in Stuttgart-Münster (in letzterer besorgte er 1955 auch die Fenstergestaltung), 1951 Fenster mit der Figur Johannes des Täufers in der Kath. Stadtpfarrkirche St. Johann Baptist in Neu-Ulm, 1952 Pfarrkirche Tettnang und Heiligkreuzkirche Schwäbisch Gmünd, 1953 Fenster und Außenwandsgraffito der St. Michaelskirche in Stuttgart-Sillenbuch, 1954 Fenster in der Altarwand und 1963 im Seitenschiff der Kirche „Zum Guten Hirten“ in Stuttgart-Stammheim, 1956 Apostelfenster in der ev. Kirche Neu-Ulm, 1962 und von 1963 bis 1965 Fenster in der Cannstatter Liebfrauenkirche. 1954 erhielt G. den Oberschwäbischen Kunstpreis, 1957 bei der Biennale Christliche Kunst in Salzburg die Goldmedaille für Glasmalerei. 1960 wurde ihm der Professorentitel des Landes Baden-Württemberg verliehen, 1967 die Bürgermedaille der Stadt Ulm.

Q            

StadtA Ulm, G 2.

W           

Die Gedanken zu den Sonntagsevangelien, Ulm 1939/40 [bibliophiler Druck] – Neue Chorfenster im Kölner Dom, in: Das Münster 10 (1957), Heft 1/2 – Jesus nach Markus: 40 Steinzeichnungen. Mit Texten von Michael Kessler, Ostfildern 1990.

L            

Ih 1, 275 – Ih 3, 104 – Rudolf, KB, 640 – Walter Talmon-Gros, Die Engelsfenster von Magolsheim. Eine Schöpfung des Ulmer Malers Wilhelm Geyer, in: Württ. Monatsschrift 1936, Heft 88, 171 – Hermann Breucha, Ein neuer Kreuzweg an der Kirche in Geislingen-Altenstadt von Wilhelm Geyer, Ulm, in: Heilige Kunst 1949, 45-47 – Wolfgang Braunfels, Wilhelm Geyer und das Problem der christlichen Kunst der Gegenwart, in: Frankfurter Hefte 4 (1949), S. 361 ff. – Clemens ten Holder, Das biblische Wort und die moderne Kunst. Gedanken zu Wilhelm Geyers Mosemappe, in: Heilige Kunst 1950, 40-52 – Otl Aicher, Das Porträt Wilhelm Geyer, in: Ulmer Monatsspiegel 1950 – Vollmer 2, 234 ff. – Berthold Hackelsberger, Wilhelm Geyer und sein künstlerischer Weg, in: Heilige Kunst 1954-1955, 72-76 – August Ebert, Die Apostelfenster von Wilhelm Geyer in Neu-Ulm. Der neue, wertvolle Schmuck der evangelischen Kirche, in: Ulmer Nachrichten Nr. 279/1956 – Rainer Zimmermann, Wilhelm Geyer. Ausstellung des Kunstvereins Ulm zur Eröffnung des neuen Ausstellungsraumes im Ulmer Rathaus, 28. Okt. bis 10. Dez. 1961 [Stuttgart-Zuffenhausen 1961] – Wahrhaftig in seinem Leben - wahrhaftig in seiner Malerei. Zum Tod von Professor Wilhelm Geyer, in: SWP Nr. 232, 7.10.1968 (Bild) – Rainer Zimmermann, Wilhelm Geyer. Leben und Werk des Malers, Berlin 1971 [mit Verzeichnis der Wandbilder und Glasmalerei] – Ders., Die Kunst der verschollenen Generation. Deutsche Malerei des Expressiven Realismus von 1925 bis 1975, Düsseldorf-Wien 1980 – Specker/Tüchle, 294, 367, 390, 436, 556, 558 f. – Clara Geyer, Wie Wilhelm Geyer die Folgen der Studentenrevolte der Geschwister Scholl auf wunderbare Weise überstanden hat. Im Anhang Briefe und Skizzen des Künstlers aus seiner Haft, in: RJKG 7 (1988), 191-216 – Ulmer Bilder-Chronik 5a, 89, 99, 104, 117, 120 – Kulturamt der Stadt Böblingen (Hg.), Wilhelm Geyer 1900-1968. Gedächtnisausstellung zum 90. Geburtstag, 3. Mai bis 5. Juli 1990, Stuttgart 1990 – Joachim Köhler (Hg.), Katholiken in Stuttgart und ihre Geschichte, Ostfildern 1990, 162, 172, 176-178, 180, 191 – Wilhelm Geyer. Ein Bündnis schloss ich mit meinen Augen: Bemerkungen zu Leben und Werk, Ravensburg [1994, bibliophiler Druck] – Wolfgang Schürle (Hg.), Wilhelm Geyer 1900-1968. Die letzten Jahre. Pastelle und Aquarelle, Ulm 1998 (Alb und Donau. Kunst und Kultur, Band 16) – Michael Kessler/Brigitte Reinhardt/Wolfgang Urban (Hgg.), Wilhelm Geyer zum 100. Geburtstag, Ulm 2000 – Annette Jansen-Winkeln (Hg.), Künstler zwischen den Zeiten. Wilhelm Geyer, Eitorf 2000 – Michael Kessler, Wilhelm Geyer. Der oberschwäbische Maler und die Gesellschaft Oberschwaben, in: Kuhn/Ritter/Bauer, 198-211 – Birgit Kölgen, Wild blühen die Blumen der Freiheit. Ausstellung in Meßkirch: „Entartet - Verfolgte Künstler aus Oberschwaben“, in: Schwäb. Zeitung Nr. 92, 22.4.2009, [3].

 

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